Verkäuferportrait: Mighty Paper

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Foto von Mighty Paper

Wenn man der Berlinerin Timea, die den Schreibwarenshop Mighty Paper betreibt, so zuhört, wie sie über ihren Lieblingsradierer redet, könnte man meinen, sie schwärme von einem funkelnden 20-Karat-Diamantring oder von einer traumhaften Aussicht auf den Südpazifik. Ihre Stimme überschlägt sich ein wenig, ihr Blick verklärt sich als würde sie träumen und ihre Ausführungen über Perfektion enden in einem zufriedenen Seufzer. Für jemanden, der nicht so besessen von hübsch designten Büromaterialien und Schreibwaren ist, ist ihr Enthusiasmus sicher nur schwer nachvollziehbar. Gleichgesinnte allerdings können Timeas Leidenschaft sofort nachempfinden.

Ehemals angestellt als Assistentin der Geschäftsleitung bei einem Verband, arbeitet Timea nun schon seit fünf Jahren Vollzeit an ihren Etsy-Shops (ihr erster Shop, Mighty Vintage, ist bestückt mit farbenfrohen Midcentury-Fundstücken und Möbeln). Ihre unternehmerische Seite entdeckte Timea aus einer Laune heraus: „Ich gründete meinen ersten Etsy-Shop, weil ich etwas Eigenes haben wollte, obwohl ich mir gar nicht sicher war, was genau das sein könnte“, erinnert sich Timea. „Mir gefiel, dass es so einfach war einen Shop zu eröffnen – ich konnte mich ausprobieren und experimentieren, ohne gleich viel Geld oder Zeit investieren zu müssen.“ Und diese minimale Startinvestition sollte sich schnell auszahlen: Schon nach anderthalb Jahren kündigte Timea ihren Anstellung, um sich voll und ganz ihrem Shop zu widmen und fand auch durch ihren Shop das kreative Ventil, nachdem sie so lange auf vielerlei Wegen gesucht hatte.

Heute gibt sich Timea völlig ihrer lebenslangen Affinität für Schreibwaren und Büromaterialien hin, während sie Mighty Vintage betreibt und nebenbei versucht sie sich sogar noch an einem Shop für Vintage-Schmuck. „Wie man sieht, habe ich da diese Vorliebe Shops zu eröffnen“, scherzt Timea. Zur Zeit schlägt ihr Herz vor allem für Mighty Paper: „Vor zwei Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich einmal einen Schreibwarenladen haben würde“, erinnert sich Timea, „aber nun habe ich einen und ich liebe es.“

Im Folgenden erfährst du, wie Timea aus einem Experiment schon fast ein kleines Imperium aufgebaut hat. Achja, und am besten suchst du dir gleich etwas aus Mighty Papers toller Auswahl aus.

Mit deinem ersten Shop auf Etsy, Mighty Vintage, warst du sehr erfolgreich. Was hat dich dazu inspiriert, es auch in der Welt der Schreibwaren zu versuchen?

Mein Freund und ich reisen viel, und es gibt zwei Dinge, die wir immer machen, wenn wir unterwegs sind: Flohmärkte und Schreibwarengeschäfte aufsuchen. Wir kommen beide ursprünglich aus Osteuropa, wo es in den Schulen richtig tolle, schlichte und qualitativ hochwertige Schreibwaren gab. Viele dieser alten Firmen sind längst Geschichte. Doch wir sehnen uns noch immer nach diesen alten Materialien. In Deutschland jedoch haben wir so etwas noch nirgends finden können. Jedes Mal, wenn wir im Ausland sind, hoffen wir, dass wir noch Dinge aus diesen alten Zeiten aufstöbern können oder wenigstens etwas Ähnliches.

Vor zwei Jahren machten wir eine dreiwöchige Reise über den Balkan – durch Ungarn, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kroatien. Da haben wir richtig viele tolle Sachen in den hiesigen Schreibwarenläden gefunden – viel mehr, als wir für uns selbst brauchten. Als wir wieder zurück waren, wuchs diese Idee von Mighty Paper in meinem Kopf. Es hat etwas gedauert, bis mir klar wurde, dass ich es wirklich versuchen sollte. Mein erster Etsy-Shop startete als Experiment, und ich merkte, dass dieser neue Shop auch so seinen Anfang finden könnte.

Die Vorstellung, einen Schreibwarenladen zu eröffnen, hatte noch weitere Vorteile. Ein Schreibwaren- oder Papeterieshop ist nicht so sehr von mir und meinem Geschmack abhängig wie ein Vintage-Shop. Und ich muss nicht jedes einzelne Mal ein neues Foto von einem Produkt machen, wenn ich es verkaufen möchte. Außerdem hatte ich die letzten fünf Jahre Tag und Nacht mit Vintage zu tun, so dass ich schon länger auf der Suche nach einem kreativen Ventil war, das total anders als das war, was ich bisher machte.

 

Was findest du an Schreibwaren besonders faszinierend? Und wie entscheidest du, ob ein bestimmtes Produkt das richtige für deinen Shop ist?

Zunächst einmal liebe ich an Schreibwaren, dass ich sie anfassen kann. Heutzutage ist vieles digital – es spielt sich entweder auf deinem Laptop oder auf deinem Smartphone ab. Und jedes Mal, wenn du dein Gerät ausschaltest, ist das, was du dir gerade noch angesehen hattest, weg. Es bleibt nichts in deinen Händen zurück. Wenn du den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, dann verdienst du einfach etwas Schönes und qualitativ Hochwertiges. Daher schreibe ich auch so oft es geht mit richtiger Tinte. Das entspannt mich. Und wenn ich auf der Suche nach Produkten für den Shop bin, erinnere ich mich immer an dieses Gefühl: das Verlangen nach etwas Wertigem, das Freude in meinen Alltag bringt. Es geht dabei um die kleinen Dinge, die Details. Für ein gutes Leben braucht man nicht die großen, protzigen Dinge, wenn schon Kleinigkeiten einem Freude bringen können.

Vom Stil her mag ich alles, was ein bisschen retro und nostalgisch ist. Ich liebe zum Beispiel die Firma Koh-I-Noor – von denen haben wir sehr viele Artikel im Shop. Es ist eine tschechische Schreibwarenfirma, die es schon damals gab, als ich als Kind in Osteuropa aufwuchs. Ich habe mich sehr gefreut, als ich rausfand, dass sie noch viele Designs genauso machen wie vor 40 Jahren. Ich kann mich aber auch sehr für witzige und bunte Sachen begeistern, die so einen gewissen Vintage-Touch haben. Ich achte bei Mighty Paper auf ähnliche Eigenschaften wie bei meinem Vintage-Shop: ein bisschen humorvoll, ein bisschen schräg – Dinge, die sich selbst nicht zu ernst nehmen. Natürlich bin ich auch für neue Trends offen. Wenn sich irgendwo etwas Neues abzeichnet, begebe ich mich auf die Suche nach neuen Produkten.

Wie gehst du dabei vor? Wie findest du Produkte für Mighty Paper?

Naja, es sind mehrere Wege. Ich besuche wirklich alle möglichen Arten von Läden, da du nie sicher sein kannst, wo überall ein cooles Produkt auf dich wartet. Wir kaufen natürlich über den Großhandel ein, aber vorher muss ich die Produkte selbst in echt gesehen haben – wie sie gemacht sind, wie sie sich anfühlen. Erst dann kaufe ich sie online für den Shop. Wir arbeiten auch gerne mit kleinen Manufakturen. Manchmal besuche ich die Hersteller dann sogar vor Ort. Am liebsten fahre ich aber tatsächlich auf Messen, weil ich da sehr viele Firmen auf einmal treffen kann, und das an nur wenigen Tagen gebündelt. Ich kann mir die Produkte genau anschauen, sie anfassen, mit den Herstellern sprechen und kleine Manufakturen entdecken, die ich vorher noch nicht kannte.

Welche Produkte aus deinem Shop sind deine persönlichen Favoriten?

Ich liebe meinen Füller und die Tinte von Pelikan. Ich benutze meinen jeden Tag – zu Hause, im Büro und unterwegs. Und auch meine Anspitzer von Möbius & Ruppert – niemand macht bessere Anspitzer! Sie haben gerade einen neuen Anspitzer namens Pollux rausgebracht, der den Stift konkav anspitzt. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Spaß mir das macht. Das musst du dir ansehen – auf YouTube gibt es Videos, die zeigen, wie es funktioniert. Ich kann es kaum erwarten, dass mein Stift wieder etwas runtergeschrieben ist, damit ich ihn wieder anspitzen kann. Oh und Radierer: Ich weiß nicht genau, was ich mit Radierern am Laufen habe, aber egal, wohin ich auch gehe, sie ziehen mich magisch an. Ich mag die Radierer von Koh-I-Noor besonders, die aussehen wie kleine Handschmeichler und Kieselsteine. Sie sind nahezu perfekt!

 

In deiner Shopbeschreibung sagst du, dass „ein Unternehmen zu haben [..] das Kreativste [ist], was mir bis jetzt untergekommen ist und eine einzigartige, spannende Reise, die ich nicht mehr missen möchte. Darüber würde ich gerne mehr erfahren.

Als ich noch zur Schule ging, meinten alle: „Du solltest Künstlerin werden. Du bist so kreativ“, oder „Du solltest Designerin werden“. Und anfangs habe ich diesen Weg auch eingeschlagen – ich ging zur Kunsthochschule, aber irgendwie hat das für mich nicht funktioniert. Ich war total frustriert: „Hm, ich soll doch angeblich so kreativ sein, eine Designerin, aber irgendwie bin ich das jetzt gar nicht.“ Also studierte ich dann Englisch und Französisch und wurde Übersetzerin und Dolmetscherin und ich liebte es. Trotzdem blieb da diese ungenutzte kreative Seite in meinem Leben.

Damals, als ich meinen Etsy-Shop eröffnete, wurde mir klar, dass kreativ sein nicht nur bedeutet, dass man etwas entwirft oder dass man eine Künstlerin ist und den ganzen Tag malt. Unternehmerin zu sein ist für mich das Kreativste, was ich mir vorstellen kann: Du kannst dich auf die Bereiche deines Unternehmens konzentrieren, die du am meisten liebst und da dein Bestes geben; du kannst deinen Tagesablauf immer wieder neu gestalten; du kannst die Produkte, die du verkaufst, oder den Service, den du anbietest, jederzeit ändern; oder du kannst ganz einfach in dein nächstes Abenteuer starten. Das ist es, was mir daran am meisten gefällt, dass es so durch und durch kreativ ist.“

Welche Aspekte eines laufenden Etsy-Shops inspirieren, erfüllen und reizen dich am meisten?

Die Jagd nach Produkten erfüllt einen natürlich sehr – genauso der Kontakt mit deinen Kunden und anderen Verkäufern. Hier in Berlin haben wir eine wirklich große und tolle Community an Etsy-Verkäufern. Wenn es die nicht gäbe, wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Aber mein allerliebster Bereich bei all dem ist das Aufbauen eines Unternehmens – den Shop eröffnen, die Marke entwickeln, den Look und die Sprache eines Shops finden. Das ist für mich wirklich ungemein erfüllend und reizvoll.

Wie genau gehst du vor, wenn du die Ästhetik oder das Image eines Shops entwickelst? Hast du bei Mighty Paper von Anfang an gewusst, wie es aussehen soll oder ist das mit der Zeit gewachsen?

Also, ich hatte ja schon fünf Jahre mit Mighty Vintage hinter mir. Da war es eher ein steter Prozess. In die Ästhetik, die der Shop jetzt hat, musste ich erst reinwachsen. Aber nachdem man eine Weile online verkauft, bekommt man ein ganz gutes Gefühl dafür, was man will. Für Mighty Paper hatte ich etwas Leichtes im Sinn, etwas Luftiges, Buntes, das Spaß macht. Wenn man Vintage kauft, ist das oft eine schwere Entscheidung. Bei den Schreibwaren sollte es nicht so sein, ich stellte mir das genaue Gegenteil vor. Meine Kunden sollten denken: „Oh, das gefällt mir. Das kauf ich mir jetzt einfach!“ Ich setze die Produkte gerne neu in Szene, zeige sie in einem anderen Kontext, spiele mit ihnen, um beim Kunden die Neugier zu wecken. Ich glaube, darum geht es vor allem.

 

Wo lässt du dich für deine Arbeit und fürs Leben inspirieren?

Am meisten inspiriert mich das Reisen – jedes Mal, wenn ich unterwegs bin, ist es, als wenn alle Dämme brechen und alles einfach fließt und ich die Inspiration in mich aufsaugen kann. Ich liebe das. Andere Menschen inspirieren mich aber auch sehr: kreative Freunde und andere Etsy-Verkäufer – wie sie die Welt sehen, ihre Ästhetik, die Farben, die sie mögen, die Ideale, nach denen sie ihr Unternehmen führen, ihre Produkte – all das sind Dinge, die mich inspirieren und woraus Ideen für meine eigene Firma wachsen. Neuerdings lese ich auch sehr viel über andere Unternehmerinnen.

Welche Unternehmerinnen bewunderst du am meisten?

Ähm, Beyoncé vielleicht? Es gibt viele Blogger, die ich bewundere: Ich liebe Grace Bonney, Gründerin von Design Sponge, und Emily Henderson, weil sie oft Vintage und humorvolle Stücke bei der Inneneinrichtung verwendet. Und ich liebe auch Joy Chos Blog und ihre farbenfrohe und verspielte Ästhetik.

Was steht für Mighty Paper als Nächstes auf dem Plan?

Also für mich ist Mighty Paper noch immer sehr jung. Ich möchte auf jeden Fall die Produktpalette erweitern. Dabei gehe ich allerdings sehr sorgfältig vor. Das kann also etwas dauern. Ich möchte auch gerne mehr Hersteller anbieten. Und seit Kurzem denke ich darüber nach, ob ich nicht ein paar exklusive Mighty Paper-Produkte selber entwerfe. Aber da ist noch gar nichts spruchreif, da stehe ich noch ganz am Anfang. Ich bin sehr gespannt, wie diese Reise weitergehen und wohin sie mich in fünf oder zehn Jahren führen wird.

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